Hans-Dieter Philipowski ist von Haus aus Diplom-Ingenieur. Mehr als 25 Jahre hat er als Unternehmer in Europa und Russland Reinigungsanlagen gebaut. Der Gründer von ENFIT e.V. - Internationaler Verband - Supply Chain Safety, kennt die Missstände, die im Lebensmitteltransport herrschen und weiß, welche Risiken daraus für Konsumenten und Unternehmen erwachsen können. Seine innovative Blockchain-Cloud-Lösung bulkvision soll nun die lückenlose Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteltransporten möglich machen und die Lebensmittelsicherheit auf ein neues Niveau heben. Dafür wurde bulkvision vom Netzwerk Die Deutsche Wirtschaft für den „Innovator des Jahres 2020” nominiert.

Was leistet die Lösung genau? Wie profitieren Lebensmittelindustrie, Handel, Logistik und Konsumenten? Und was gehörte dazu, um eine solche Innovation überhaupt zu entwickeln? Erfahren Sie mehr in unserem aktuellen Interview mit Hans-Dieter Philipowski.

Produktrückrufe sind keine Seltenheit. Herr Philipowski, was muss passieren, damit Lebensmittelhersteller die Konsumenten vor ihren eigenen Produkten warnen müssen?

Man denkt bei Produktrückrufen schnell an Fremdkörper in Lebensmitteln, beispielsweise Glas- oder Metallsplitter und Plastikteilchen, die während der Produktion in die Lebensmittel gelangt sind. Aber auch Mikroorganismen wie Viren, Pilze oder Bakterien sind ein großer Risikofaktor. Und dieser muss nicht zwangsläufig in der Produktion selbst entstanden sein: Zu gefährlichen Verunreinigungen, also Kontaminationen, kann es sehr oft bereits beim Transport unverpackter Rohstoffe und Lebensmittel, also in den Lebensmittel-Transportbehältern, kommen. Viren, Bakterien oder andere Fremdstoffe können demnach auch von außerhalb, mit der Rohstofflieferung, in die Produktionsstätte geschleust werden. 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Denken wir an Silotransporte – Mehle, die zur Weiterverarbeitung von der Mühle in die Großbäckerei gebracht werden: Wussten Sie, dass in Behältern für Mehltransporte Schimmelpilze vorkommen können, die hochgiftige Mykotoxine freisetzen? Das sind sehr gefährliche Giftstoffe, denen selbst Hocherhitzung bei 225 °C nichts anhaben kann. Und die, trotz Weiterverarbeitung zu Backwaren, lebensbedrohliche Erkrankungen wie Nierenkrebs hervorrufen können.

Wie kommt es denn überhaupt dazu, dass Kontaminationen solcher Art über Transportbehälter in unsere Lebensmittel gelangen?

Nun, es ist zwar gesetzlich verboten, aber auch unverpackte Futterzuschlagsstoffe werden immer wieder in Lebensmittelbehältern transportiert. Bei Silo-Transporten beispielsweise werden nicht nur konsequent Lebensmittel transportiert: Es landen auch Nicht-Lebensmittel in diesen Transportbehältnissen. Futterzuschlagsstoffe, die zu Futtermitteln verarbeitet werden, sind oftmals Abfälle aus der Lebensmittelindustrie oder der Gastronomie. Das können Fette und Frittieröle sein, Proteine, verdorbene Lebensmittel, die bereits kontaminiert sind und somit große Mengen an Viren und Bakterien in sich tragen. Auch getrockneter Hühnerdung, Knochenmehl oder fertiges Tierfutter werden in eben diesen Lebensmittel-Transportbehältern transportiert.  

Laut lebensmittelwarnungen.de, dem Portal der Bundesländer und dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), stellt 2019 ein neues Rekordjahr an Produktrückrufen dar. Darunter fällt der Rückruf von Wilke-Wurst, einer der größten Lebensmittelskandale aller Zeiten. Warum verbessert sich die Situation nicht?

Die Ursachen dafür liegen in erster Linie im enormen Kostendruck. Auch gibt es gesetzliche Lücken, besonders wenn es um den sicheren Transport von Rohstoffen und Lebensmitteln geht. Den Unternehmen fehlt es häufig an qualifiziertem Personal, das in der Lage ist, die  Lücken in der komplexen Supply Chain zu erkennen. Teilweise verursachen Produktrückrufe Verluste in Millionenhöhe – denken wir an den Rückruf eines der weltweit bekanntesten Süßwarenhersteller im Jahre 2016, der 55 Ländern betraf. Auch Betriebsschließungen kommen vor, wie beim eingangs erwähnten Fall Wilke-Wurst. Hygieneschwachstellen im Betrieb und in der Supply Chain aufgrund der Kosten nicht zu beheben, ist daher in meinen Augen zu kurz gedacht. Genau hier setzt bulkvision an. 

Ihre Blockchain-Lösung soll nun für mehr Transparenz und somit auch für bessere Hygienestandards beim Transport von Lebensmitteln und Lebensmittelrohstoffen sorgen. Was war die Initialzündung für Ihre Idee?

Ich habe viele Jahre Reinigungsanlagen für die Reinigung von Transportbehältern gebaut. In diesem Zusammenhang habe ich die Hygieneschwachstellen von Tankfahrzeugen, Silos, IBCs (Intermediate Bulk-Containers), Kühl-Containern und anderen Behältnissen gesehen, in denen Lebensmittel und Lebensmittelrohstoffe transportiert wurden. Das war der Auslöser. Denn außer Ingenieur und Anlagenbauer, bin ich auch Familienvater und selbst Konsument. Ich sehe mich in der Pflicht, für mehr Lebensmittelsicherheit in der Supply-Chain zu sorgen. Vor 15 Jahren gründete ich daher den Verband ENFIT, der das Ziel verfolgt, Lebensmittelsicherheit, Sicherheit in der Supply Chain und Food Compliance zu standardisieren und weiterzuentwickeln.

 



Sie realisieren aktuell mit der Hamburger Internetagentur Web For Life die Applikation bulkvision, die von der DDW für den Innovator des Jahres 2020” nominiert wurde. Was leistet bulkvision?

bulkvision ermöglicht die weltweit transparente, lückenlose Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteltransporten. Die Applikation bietet neben vielen anderen Tools auch das Track and Trace der Transportbehälter, so wie wir es beispielsweise von der Sendungsverfolgung der Paketdienste kennen – aber eben speziell für die besonderen Anforderungen bei Lebensmitteltransporten. Via Scan werden sämtliche Informationen zu einem Produkt bzw. eines Transports abgerufen und damit eine vollends transparente Supply Chain abgebildet. Mit bulkvision schaffen wir außerdem erstmals die Möglichkeit, dass alle Beteiligten der Supply Chain über eine Blockchain-Cloud-Lösung Informationen von ihren direkten Partnern erhalten – upstream und downstream.  Davon profitieren auch Logistikunternehmen und Reinigungsanlagen, die die Reinigung der Transportbehälter verantworten.

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Wie funktioniert die Technologie genau?

Mit der bulkvision App. Per QR-Code, Barcode und RFID-Transponder, die alle mit einem speziell dafür entwickelten Label – GID (Globalen Identifikation), das direkt am Transportbehälter angebracht ist, vernetzt sind. Der Empfänger der Ware kann via Smartphone den Code scannen und erhält alle Details zur Fracht sowie Antworten auf Fragen wie: Was war die letzte Ladung? Wann, wo und wie wurde der Transportbehälter gereinigt? Wann und womit wurde der Transportbehälter neu befüllt? Wie lange war er unterwegs? Sämtliche Informationen zum Lieferanten, der Ware, dem Transportverlauf und zu allen beteiligten Partnern sind in Sekundenschnelle abrufbar. Über die einzigartige und dadurch eindeutige GID sollen Manipulationen verhindert werden.

Wer profitiert denn insbesondere von bulkvision?

Neben den Verbrauchern am meisten die Produzenten selbst. bulkvision ist die Versicherung für validierte und rückverfolgbare Informationen. Alle Daten sind über die Blockchain abgesichert und geschützt. Davon profitieren aber auch Logistiker und Reinigungsanlagen, die Verwaltungs- und Abwicklungskosten einsparen können. 

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit enomyc und der Internetagentur Web For Life?

Für meine Ideen und Visionen brauche ich ein engagiertes Team von Softwareentwicklern, das meine Vision schnell und effizient erfasst sowie technisch weiterentwickelt. Das beherrschen die Jungs von Web For Life wirklich. Mit den Expertinnen und Experten von enomyc diskutiere ich über das Business. Denn die Berater habe einen enormen Vorteil: Sie kennen viele andere Unternehmen und deren Märkte. Sie haben einfach ein tolles Know-how darüber, was die Märkte brauchen. Die vielseitige Expertise und Beratung von enomyc und Web For Life geben mir viele gute Ideen und stetig neue Impulse zur Weiterentwicklung und Vermarktung von bulkvision.     

Welche Anwendungsgebiete sehen Sie noch für bulkvision und woran arbeiten Sie aktuell?

bulkvision findet für alles Anwendung, was transportiert wird – auch für Futtermittel, Chemikalien und mehr. Genau mit diesem Fokus entwickle ich bulkvision gemeinsam mit Web For Life weiter. Die Applikation soll zukünftig auch zur digitalen Identifizierung von Lieferanten und Fahrern dienen, um Lieferprozesse einfacher und vor allem transparenter zu gestalten. Mittels Scan sollen beispielsweise Wartezeiten reduziert, Corona-Maßnahmen, wie die Abstandsregelungen, besser eingehalten werden und bisher zeitraubende manuelle Prozesse, wie das Ausfüllen von Papieren, das Kopieren von Ausweisen usw. entfallen. Auch Missverständnisse, die in der globalen Logistik oft durch die Sprachbarriere entstehen, können wir beheben. Wir arbeiten daran, dass jeder Fahrer die App in seiner Sprache verwenden kann und zudem die Ausgabe der Informationen in der Landessprache des jeweiligen Zielortes erfolgt. Mein Ziel ist, dass jede Transporteinheit auf dieser Welt das bulkvision-Label trägt.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg dabei, Herr Philipowski. Vielen Dank für das Interview.

Wir gratulieren Herrn Philipowski und seinem Team herzlich zur Nominierung von bulkvision für den „Innovator des Jahres 2020”. Die Wahl läuft. Für mehr Transparenz und damit Lebensmittelsicherheit innerhalb der Supply Chain. Stimmen auch Sie mit uns ab!

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