Im vergangenen Jahr gründete enomyc in Frankreich seine erste Tochtergesellschaft. Initiiert von Alain Parent und Guillaume Bastien, führen die Partner die enomyc SAS inzwischen von Paris aus. Im Interview sprechen sie über ihre langjährige Erfahrung auf Unternehmensebene und wie sie davon im Beratungsgeschäft mit ihren internationalen Kunden profitieren. Sie gewähren einen Blick hinter die Kulissen und berichten über den Senkrechtstart ihres Unternehmens inmitten der Pandemie, das Zünden der zweiten Raketenstufe – und über Wein und Bier.

 


Herr Bastien, Herr Parent – enomyc SAS ist jetzt seit knapp einem Jahr am Markt. Wie sieht Ihr erstes Fazit aus?

Guillaume Bastien: Wir haben letztes Jahr inmitten der Corona-Pandemie mit der Gründung der enomyc SAS quasi die erste Stufe gezündet. Aktuell befinden wir uns in Stufe zwei, und zwar auf einer sehr guten Flugbahn. enomyc SAS ist jetzt seit ein paar Monaten komplett im Einsatz – und das mit Begeisterung und großem Engagement. Unser Netzwerk hat erstaunlich gut auf unser Beratungsangebot reagiert. So haben wir die UMS Group aus Guinea erfolgreich beim Kauf von Alteo, dem französischen Weltmarktführer für Alumina, beraten.

Alain Parent: Und wir freuen uns über das erste gemeinsame deutsch-französische Projekt. Bei dem Beratungsmandat für die französisch geführte, internationale Schiffbaugruppe Privinvest geht es um die Nobiskrug-Werft in Rendsburg bei Kiel. Also um eine Branche, in der die enomyc GmbH eine große Erfolgsbilanz vorweisen kann. Wir begleiten derzeit Projekte in verschiedenen Branchen in Frankreich, Österreich und Deutschland. Die Pandemie ist dabei herausfordernd, hat aber die Taktzahl unseres Geschäfts nicht bedeutend beeinträchtigt.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor – im Team oder eher jeder für sich?
GB: Alain und ich kommen aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen, haben unterschiedliche Ausbildungen und Laufbahnen hinter uns. Alain ist vor allem der Experte für Betriebswirtschaft und Vertrieb, meine Stärke sind Contracting, Technik und mein Ingenieurshintergrund. Dennoch sind unsere Fähigkeiten sehr ähnlich: Wir wissen, wie man Unternehmen erfolgreich führt, wie man aktiv zuhört, innovative Lösungen generiert und echten Mehrwert schafft. Wir haben über zwanzig Jahre lang weltweit unser Fachwissen im täglichen Management von Unternehmen jeder Größe erarbeitet, stets mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung. Wir arbeiteten in harten Branchen mit niedrigen Margen, hohen Erwartungen und knallhartem Wettbewerb. Turnaround, die Entwicklung von Unternehmen, die Transformation von Geschäftsmodellen – Hier kennen wir uns aus, das beherrschen wir.

AP: Wir haben beide französische Wurzeln, haben aber die letzten zwanzig Jahre im Ausland verbracht und leben jetzt in Österreich. Dank dieses Backgrounds werfen wir oft einen anderen Blick auf die Dinge. Das verbindet uns. Dabei übernimmt Guillaume ganz klar die Führung in Industrieprojekten wie Bauwesen, Maschinen, Materialien oder Bergbau. Ich übernehme hingegen, wenn es z. B. um ein Einzelhandelsprojekt geht. Aber wir wissen beide immer über alle unsere Projekte Bescheid, über die aktuellen und potenziellen. Ich teile generell gerne meine Informationen und Ideen mit Guillaume, allein damit er meine Überlegungen konstruktiv hinterfragen kann. Und er macht das ebenso mit den Projekten, für die er verantwortlich ist.

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit als enomyc SAS?
AP: Wir sind schon lange privat befreundet und gleichaltrig. Wir hatten beide zwanzig Jahre in großen Konzernstrukturen gearbeitet und standen dann vor der Frage: Was will ich jetzt noch erreichen? Wir wollten beide Teile von etwas sein, das wir aktiv mitgestalten. Guillaume hatte bereits mit der enomyc GmbH gearbeitet, er und Martin Hammer waren schon lange in Kontakt. Martin kam also mit Guillaume ins Gespräch und Guillaume mit mir. Irgendwann kristallisierte sich ein gemeinsamer Weg heraus, der uns alle zusammenbrachte. Ich hatte bereits europaweit als Management- und Strategieberater gearbeitet und wusste, dass unser Angebot für Unternehmen attraktiv sein würde. Und Guillaume hatte mit vielen Beratern zusammengearbeitet und eigene Ideen, was ein Beratungsunternehmen aus Kundensicht anbieten muss und vor allem wie.

Herr Bastien, Sie sind die treibende Kraft hinter dem neuen Corporate M&A-Bereich bei enomyc. Wie kam es dazu?
GB: Für mich war das eine logische Konsequenz, da die Nachfrage nach Beratung im Bereich Mergers & Acquisitions enorm ist, obwohl es viel Konkurrenz gibt. Die enomyc GmbH hatte über die Jahre den Fokus aus Perspektive der Restrukturierungsberatung auf Distressed M&A, also dem Unternehmenskauf aus der Insolvenz, gelegt. Alain und ich bringen nun aufgrund unserer Expertise auch den Corporate M&A-Bereich ein. Das ist ein komplett anderes Geschäft, für das wir aber ein belastbares Netzwerk, jahrelange Erfahrung und das spezifische Know-how besitzen. Corporate M&A ist damit ein weiterer Bereich, in dem wir für unsere Kunden einen entscheidenden Mehrwert schaffen. Dafür begleiten wir Projekte von der strategischen Konzeption über das Anbahnen von Transaktionen bis hin zu Post Merger Integration (PMI), also der Integration im Zuge von Unternehmensakquisitionen und -fusionen.

Welche Unterschiede zwischen dem französischen und dem deutschen Markt haben Sie bisher feststellen können?
AP: Man findet immer etwas, das in einem Land perfekt funktioniert, aber nicht nach dem Copy-and-paste-Prinzip in einem anderen Land umsetzbar ist. Im Business Development ist beispielsweise jeder Markt für sich zu betrachten. Das gilt auch für die Gestaltung von Vertriebskanälen, das Monitoring von Wettbewerbern und den Umgang mit Kunden. Klischees sind dabei selten hilfreich. Aber wir haben schon Berater samt Kunden scheitern sehen, weil sie, neben kulturellen Aspekten, auch die Unterschiede von Markt zu Markt unterschätzt haben.

GB: Stimmt. Ich bin auch vorsichtig mit Klischees oder Vorurteilen. Und dennoch sind meiner Erfahrung nach Kunden aus Deutschland, den Niederlanden oder Skandinavien geneigt, beim ersten Treffen quasi direkt zum Punkt zu kommen. Ein französischer Kunde interessiert sich zunächst in erster Linie dafür, wer der Gesprächspartner ist. Dabei geht es nicht darum, was er geleistet hat oder was er besitzt, sondern um die Familie und den persönlichen Hintergrund. Es ist eine mediterrane Veranlagung, den Gesprächspartner über die Konzepte, Menschen, Netzwerke, die ihn oder sie geprägt haben, zu verstehen. Dieses kommunikative Feingefühl und auch die Kreativität schätzen die Deutschen an den Franzosen. Bei den Deutschen ist es hingegen die Präzision, das Planungsvermögen oder die Ergebnisorientierung, die die Franzosen anerkennen.
Diese Qualitäten in gemeinsamen Projekten zusammenzubringen, ist unser Ziel. Das ist einer der enormen Vorteile unserer deutsch-französischen Teams.

Wie arbeitet Ihr als vertrautes französisches Duo mit den etablierten Teams der deutschen Standorte von enomyc zusammen?
GB: Wir treiben den deutsch-französischen Ansatz gerne gemeinsam voran, inklusive der kommunikativen Herausforderungen und des erhöhten Abstimmungsbedarfs. Mit der Gründung von enomyc SAS hat Martin Hammer ganz bewusst einen Schritt in Richtung Öffnung und Diversifizierung von enomyc getan. Die enomyc GmbH ist in der DACH-Region in ihren Marktsegmenten sehr erfolgreich. Das ist eine gute Basis, um einen solch wegweisenden Schritt mit Zuversicht zu gehen. Darin spiegeln sich die Aufgeschlossenheit und Anpassungsfähigkeit einer Firma mehr noch als die unternehmerischen Wurzeln. Wir arbeiten gerne und gut zusammen. Ja, wir haben uns bisweilen gestritten und beschwert. Aber wir haben auch gemeinsam erfolgreich Projekte akquiriert. Und zusammen gelacht und gefeiert, wenn auch vielleicht nicht genug, aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen.

AP: Vom ersten Tag an war uns allen klar, dass dieser deutsch-französische Ansatz ein riesiges Potenzial hat. Unsere bisherigen Erfolge nach den ersten Monaten enomyc SAS sprechen da für sich. Allein mit der Privinvest Gruppe haben wir bereits bedeutende Ergebnisse erzielt. Und dieses Mandat hat enomyc aufgrund der deutsch-französischen Positionierung gewonnen. Natürlich ist enomyc SAS vom Status her nach wie vor Work in Progress. Es geht nicht allein darum, dass drei oder vier Leute im Unternehmen zusammenfinden, sondern dass das gesamte Team an Bord ist und funktioniert. Da befinden wir uns auf bestem Wege und sind mit Begeisterung dabei.

Fußball, Frankreich gegen Deutschland? Wein oder Bier? Mediterranée oder Nordsee?
GB: Erstens, bin ich vorsichtig mit Klischees. Zweitens bevorzuge ich Rugby. Fußball ist nicht so meins und Deutschland hat nun mal keine Rugby-Nationalmannschaft. Bier? Wenn ich durstig bin. Aber wenn ich etwas Besonderes trinken möchte, dann gerne Wein. Was das Meer angeht: Am Mittelmeer ist es mir im Sommer zu voll. Also würde ich mich eher für die Nordsee entscheiden.

AP: Das Mittelmeer im Sommer und die Ostsee im Oktober, vor allem Rügen. Die Wahl der Getränke ist kniffliger. Ich bin unweit der belgischen Grenze aufgewachsen, daher trinke ich gerne spezielle Biersorten. Mit Wein bin ich natürlich auch aufgewachsen. Insofern mag ich sowohl Wein als auch Bier. Und Fußball: Sie wissen ja, dass Gary Lineker behauptet hat, dass es ein Spiel ist, das von zwei Mannschaften gespielt aber von den Deutschen immer gewonnen wird. Nun, ich bin da anderer Meinung!

Zurück zum Geschäft: Wo sehen Sie enomyc SAS in den nächsten ein, zwei Jahren?
AP: Wir befinden uns noch in der Startup-Phase. Oberste Ziele sind weiterhin Vertrauen aufzubauen und unsere Versprechen zu erfüllen. Wir starten gerade in die dritte Phase: wir wollen wachsen und Mitarbeiter:innen einstellen. Recruiting und Ausbildung sind also die nächsten Herausforderungen. Wir suchen Persönlichkeiten mit der gleichen Einstellung, einem ähnlichen europäischen Hintergrund und der gleichen Bereitschaft, mit Begeisterung von Projekt zu Projekt zu wechseln. Wir sehen viele sehr spannende Geschäftsmöglichkeiten, sowohl in Frankreich als auch in ganz Europa und Afrika. Es gibt viele großartige Herausforderungen im M&A oder PMI-Bereich, auf Management- und Strategieebene oder im Business Development, insbesondere auch grenzübergreifend.

GB: Wir hatten insgesamt einen sehr guten Start. Wir konnten uns als Unternehmer etablieren und uns als erfahrene „Doer“ beweisen. Weg von dem Image der Consultants, die nur Konzepte und Stunden verkaufen. Wollen wir nun mit unserem Startup in Phase drei eine neue, höhere Sphäre ansteuern? Wo und wie wollen wir uns etablieren? Das sind hoch spannende Fragen. Vor ein paar Monaten konnten wir uns, auch Corona-bedingt, kaum vorstellen, dass sich unser Geschäft so rasant entwickelt. Gerade deshalb schätze ich diesen Satz auch so sehr: Bleib mit den Füßen auf dem Boden und greif weiter nach den Sternen.

Was steht bei Ihnen ganz oben auf der Liste, jetzt, wo das öffentliche Leben offenbar langsam wieder Fahrt aufnimmt?
GB: Wieder gemeinsam in Restaurants oder auf Konzerte gehen; Freunde und Familie umarmen und küssen, oder einfach entspannt die Hände schütteln. Als Franzose mag ich diese persönliche Nähe.

AP: Definitiv die Rückkehr zu einem echten sozialen Leben und natürlich Reisen mit der Familie. Gerne noch in diesem Sommer, damit meine Kinder mehr von Europa entdecken – Nicht mehr über Google Maps, sondern mit ihren eigenen Augen!

Vielen Dank für das Interview, Guillaume Bastien und Alain Parent.

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