Der deutsche Fußball hinkt. Spiele ja, aber Geisterspiele. Daher keine Zuschauer. Und damit deutlich weniger Gelder. Mit den Einschaltquoten sinken auch die Einnahmen aus dem TV. „BVB-Halbjahreszahlen: 26 Millionen Euro Verlust”, titelt unter anderem kicker.de am 9. Februar. Die Fußball Clubs stehen vor immensen Herausforderungen. Restrukturieren in einer Branche, die eigentlich nur Wachstum gewohnt ist: Wie geht das? Welches Umdenken muss stattfinden, welche Chancen müssen ergriffen werden? Mehr im Experteninterview mit Michael Klatt, ehemaliger Finanzvorstand und Geschäftsführer namhafter Fußballclubs und Philippe Piscol, Managing Partner von enomyc.

 

Herr Klatt, Sie sind ehemaliger Finanzvorstand des 1. FC Kaiserslautern und waren Geschäftsführer des MSV Duisburg. Mit welchen konkreten Herausforderungen kämpfen Fußballvereine aktuell?

Michael Klatt: Zum einen mit einer Planungsunsicherheit. Sie können nicht einschätzen, was auf sie zukommt. Daraus ergeben sich wirtschaftliche Herausforderungen. „Für wie lange muss jetzt eigentlich der Sprit im Tank reichen?", fragt man sich. „Ist das jetzt eher eine Mittelstrecke, ein Marathon oder ein Triathlon?" Diese Planungsunsicherheit macht es extrem schwer, jetzt die richtigen Maßnahmen zu treffen. Auf Grund laufen will man nicht. Aber zu rigoros sparen? Das kann später auch zum Problem werden, Stichwort Wettbewerbsfähigkeit.

Planungsunsicherheit ist also die erste Herausforderung. Was sind weitere?

MK: Der Fußball ist im Allgemeinen ein sehr kurzfristiges Geschäft. Und die meisten Vereine orientieren sich tatsächlich auch kurzfristig. Im Normalfall ist der finanzielle Planungszyklus 12 Monate lang, also genau eine Saison. Die Pandemie hält aber deutlich länger an. Und es gibt einen saisonübergreifenden Fall: Der erste Lockdown begann ja im März 2020. Jetzt mittel- und langfristige Strategien zu erarbeiten oder zu planen – das bereitet die Schwierigkeiten. Dem Fußball brechen aktuell alle vier Umsatzhebel weg: ganz besonders im Ticketing und Merchandising, aber auch Sponsoring und TV-Gelder. Dadurch, dass momentan viele Clubs ums Überleben kämpfen, sind auch die Transferperioden, zuletzt die Winter-Transferperiode, in Mitleidenschaft gezogen. Lukrative Transfers sind deutlich schwieriger geworden, um knappe Kassen zu füllen.

 

Sieht man sich einige Zahlen an, so haben sich die Fußballvereine im ersten Lockdown ganz gut geschlagen. kicker.de berichtet beispielsweise über den BVB und dessen Personaleinsparungen von 9,2 Millionen Euro im ersten Halbjahr. 

MK: Ja, schon. Die Solidarität im 1. Lockdown war groß: Die Fans kauften „Geister-Tickets" und die Fanshops leer, haben auf die Rückerstattung ihrer Dauerkarte verzichtet. Es gab freiwillige Gehaltsverzichte bei den Profis. Wobei man dazu sagen muss: 9,2 Millionen Personalkosteneinsparungen bei einem Konzern wie dem BVB – das sind, gegenüber den Aufwendungen von 111,5 Millionen Euro, gerade mal rund 8 Prozent. Das wäre in einem normalen Sanierungsfall überschaubar. 

 

Wie verhält es sich nun im zweiten Lockdown?

MK: Der zweite Lockdown trifft die Branche härter. Im ersten Lockdown war ja „nur" die Rückrunde betroffen, das heißt: Man hatte schon 60 Prozent der Spiele unter Zuschauern gehabt und für die gesamte Saison Dauerkarten verkauft: Damit zog eine wesentliche Einnahmequelle, das Ticketing, noch gut. Diese ist nun aber komplett weggebrochen. Im zweiten Lockdown waren anfangs nur wenige Zuschauer erlaubt. Nun erleben wir Geisterspiele. Die gesamte Saison war also von Anfang an betroffen. Und die Ausmaße sind jetzt wesentlich höher. Die Fan-Basis nun erneut zur Unterstützung aufzurufen – das kann nicht jede Saison funktionieren: Schließlich sind auch die Fans teilweise selbst von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen.

 

Sie nannten die TV-Gelder. Wie gestalten sich denn die Einnahmen der Clubs daraus?

MK: Das ist das langfristige Problem: Die Einschaltquoten zu Spielen und Sendungen sind gesunken und die Fernsehgelder im letzten Jahre neu ausgeschrieben worden. Jetzt sind sie erstmals rückläufig: 20 Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahr. Zusätzlich hängt die Höhe der Fernsehgelder von der jeweiligen Liga ab. In der ersten und zweiten Liga sind sie deutlich höher und damit auch die Abhängigkeit von den Zuschauern kleiner. In der dritten Liga sind die Fernsehgelder überschaubar und damit die Abhängigkeit vom Ticketing deutlich höher.

Welche Maßnahmen verfolgen die Vereine momentan verstärkt, um an frisches Geld zu kommen? 

MK: Einige suchen nach Möglichkeiten, Eigenkapital aufzunehmen. Sie suchen nach Investoren. Allerdings ist das Thema Investorensuche in Deutschland alles andere als trivial: Während beispielsweise Investoren in England komplett Clubs kaufen, steuern und verkaufen dürfen, gilt in Deutschland die 50+1-Regel. Es ist hier also überhaupt nicht klar, wie Investor:innen ihr Engagement jemals „versilbern" können. Sie sind immer die Minderheitsaktionäre. Eigenkapital und – vor allem in der dritten Liga – seriöse Investoren sind extrem schwer zu finden. Blicken wir auf zwei aktuelle Fälle, den KFC Uerdingen und Türkgücü München, wo die Investoren während der Saison ihren Ausstieg ankündigten: So etwas stellt Vereine und Verbände vor immense Herausforderungen. 

 

Investor:innen zu finden, die mit Unternehmen durch dick und dünn gehen, ist Ihr Geschäft, Herr Piscol. Erhalten Sie Anfragen von Sportvereinen? 

Philippe Piscol: Ja, gefragt sind Finanzierungen und Ideen, wie Vereine mit regionalen Sparkassen und Volksbanken zusammenkommen können. Hier unterstützen wir mit Finanzierungsgesprächen. 


Wie sind die Aussichten?

PP: Die Kriterien für die Kreditvergabe von Banken sind komplex, denn zum einen ist der Planungshorizont in der Regel ja nur eine Saison lang und nicht, wie man es aus anderen Industrien kennt, drei Jahre. Sieht man sich dann zum anderen die Bilanz eines Fußballvereins an, dann gibt es viele, die ein negatives Eigenkapital aufweisen. Eine Bankenfinanzierung ist für einen Fußballverein demnach nicht einfach. Aber möglich: Aktuell wurde beispielsweise der Fall des Werder Bremen in der Presse behandelt. Er hat kürzlich einen Kredit für Betriebsmittel über lokale Banken erhalten.

 

Welche Rolle spielen Sponsoren und Mäzene?

MK: Eine sehr wichtige! Ein Beispiel: TSV 1860 München war vor einigen Jahren aus der zweiten in die vierte Liga abgestiegen. Der Investor hatte kein Geld gegeben. Die Frage war: Was macht jetzt der Hauptsponsor? Das war und ist bis heute eine Versicherung: Die Bayerische. Sie hat ihre Rolle genutzt und in der Umkehr kommuniziert: “Denn wir sind eine Versicherung, es liegt in unserer DNA, nicht dann wegzulaufen, wenn ein Schaden eingetreten ist. Ganz im Gegenteil”. Die Bayerische ist dem Verein als Sponsor treu geblieben. 1860 München stieg wieder auf. Es ist natürlich hilfreich, einen Sponsor zu haben, mit dem es wunderbar passt. Das ist aber in Teilen auch großes Glück.

PP: Was die Mäzene angeht: Der Fußball ist weiterhin stark von ihnen geprägt. Auch, wenn das Verhältnis sich oft schwierig gestaltet und sie sich immer weiter zurückziehen – denken wir an Hopp und Hoffenheim oder Tönnies und Schalke. Die Anfeindungen aus der Fan-Basis verderben offensichtlich die Freude an exklusiven Hobbies. Mäzene wenden sich dann perspektivisch anderen Branchen oder Sportarten zu. Oder sie fokussieren sich nur noch auf ihr Kerngeschäft. Ohne Mäzene aber werden Vereine schwach. Sie haben es schwer, ihre Etats zusammenzubekommen und tummeln sich nur im letzten Drittel der Bundesliga.

 

Was empfehlen Sie in diesem Fall, Herr Piscol?

PP: Eine Kommunikationsstrategie in der Krise mit dem Schwerpunkt Fan-Kommunikation. Themen bzw. Fälle wie die genannten müssen aus den Stadien raus und auch die Fans müssen die Konsequenzen ihres Verhaltens für ihren geliebten Verein bewusst gemacht werden.

 

Sie sind Sanierer und Restrukturierer. Gibt es Ihres Erachtens Stellhebel aus Ihrem Repertoire, die sich jetzt im Fußball bewähren? Er ist ja im Grunde nur Wachstum gewohnt. 

PP: Das stimmt: Restrukturierung und Sanierung – das kennt der Fußball nicht unbedingt. Die Traditionsvereine haben in der Vergangenheit eher über ihre Verhältnisse gelebt. Was Sanierungsmaßnahmen betrifft: Die sind nur teilweise – unter anderem wegen der 50+1-Regelung – anwendbar. Zumindest, was Eigenkapital betrifft. Eine Equity-Sanierungsstrategie, sprich: eine bilanzielle Übernahme oder Sanierung – das geht nicht. Was aber geht, sind operative Sanierungsmaßnahmen.

 

Wie sehen diese operativen Sanierungsmaßnahmen konkret aus? 

PP: Restrukturierer und Sanierer müssen sich auf die GuV konzentrieren. Sanierungsmaßnahmen bedeuten unter anderem die Überarbeitung von Gehaltsstrukturen, die personelle Umstrukturierung in der Verwaltung oder im Leistungszentrum. 

MK: Dabei sind das Wertvollste – aber auch das Teuerste in den Fußballvereinen – die Spieler selbst. Die Personalaufwendungen der Clubs bestehen zu ca. 75 Prozent aus Spielergehältern. Trennen sich Vereine von Personal in der Geschäftsstelle, z.B. im Marketing oder im Medienbereich, ist davon wenig in der GuV zu spüren. 

PP: Und im Fußball kann der operative Hebel gar nicht so scharf angesetzt werden, wie es in einer normalen Sanierung möglich wäre. Es gibt keinen Betriebsrat, keine Betriebsvereinbarungen. Die Clubs sind von den Spielern abhängig. Sie sollen ja auch am nächsten Wochenende motiviert auf den Platz gehen und die Tore schießen! 

MK: Richtig. Würde ein ambitionierter Club beispielsweise härter vorgehen und rigoroser sparen, könnte er riskieren, sich vielleicht nicht mehr für die Champions League zu qualifizieren. Dann ist der Kollateralschaden deutlich größer: Zwischen der Euro League und der Champions League liegen – abhängig vom sportlichen Abschneiden – schnell 40 Millionen Euro und mehr Differenz für die Saison. Eine absolute Gratwanderung. 

 

Welche Auswirkungen haben all diese Fakten eigentlich auf die Rolle der CFOs in den Clubs? Sie sind ja normalerweise nicht im Gespräch.

MK: Ja, sichtbar ist meist der Sportdirektor. Er verkörpert das Kerngeschäft. Die CFOs spielen im Fußballverein eine Rolle eher im Hintergrund. Das ändert sich aber gerade: Die CFOs sind jetzt maßgeblich verantwortlich fürs Überleben der Clubs. Die Leitfragen lauten: Wie gut können die CFOs jetzt operative Maßnahmen umsetzen? Sind ihre Finanzierungsstrategien gut? Was kann finanzseitig alles getan werden, um Fälligkeiten und Verbindlichkeiten neu zu verhandeln? 

 

Herr Piscol, zu welchem Ansatz würden Sie jetzt CFOs in den Clubs raten? 

PP: Ich würde ihnen die Tools an die Hand geben, zu denen wir auch den CFOs in gängigen Industriebranchen raten: Steuerung über Kennzahlen und, wenn nicht schon vorhanden: Kennzahlensysteme aufzubauen. Was die Planung betrifft: Wir beraten ja dahingehend, finanzwirtschaftlich längere Zeitzyklen zu planen, als nur eine Saison. Im Sanierungsgutachten planen wir beispielsweise das laufende Jahr plus zwei weitere Jahre. Auf den Fußball übertragen bedeutet das für mich, eine Mittelfristigkeit zu generieren, sodass wir über die einzelnen Spielsaisons hinausdenken können. Vor allem um das Thema Liquidität und das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit, auch bei einem Fußballverein, mittelfristig abwenden zu können. Es geht ja momentan nicht nur aufwärts. Und ich habe den Eindruck, das Thema Liquiditätsaussteuerung wurde im Fußball vor der Krise eher zweitrangig gehandelt.

Ist das so, Herr Klatt?

MK: Für die Lizenzierung muss man zwar viele finanzielle Kennzahlen darlegen, diese aber messen immer nur zum Saisonende. Häufig gibt es nur zwei Abschlüsse im Jahr: im Juni und im Dezember. Über einen unterjährigen Liquiditätsverlauf und unterjährige Abschlüsse ließe sich aber die Steuerung eines Vereins an Industriestandards anpassen. So gibt eine wöchentliche Liquiditätsbetrachtung, die nach hinten raus unschärfer wird, eine Liquiditätsvorschau auf die gesamte Saison. Und auch auf die Folgesaisons. Das hat zwei wesentliche Vorteile: Zum einen das Wissen darum, dass gesteuert werden muss und was genau. Zum anderen ist das Thema Haftung besser abgedeckt: Sind Vorgänge dokumentiert, Vorstände und Geschäftsführung besser informiert und vorbereitet, sind sie auch besser geschützt.

 

Denken die Vereine um? Welchen Eindruck haben Sie seit dem ersten Lockdown gewonnen, Herr Klatt? 

MK: Ich denke ja. Der Fußball lernt jetzt im Grunde genommen, dass er tickt wie eine ganz normale Firma. Es geht nicht mehr nur ums Entertainment, die Show und das, was die Fans sehen wollen: Es geht um das Überleben der Vereine. Und das muss jetzt durch alle Beteiligten gesichert werden. Es findet ein Wandel auf verschiedenen Ebenen statt. So sind beispielsweise viele Spieler bereit, auf die volle Auszahlung ihrer Gehälter zu verzichten. Ihnen ist ja klar: Tun sie es nicht, wird es womöglich weniger potentielle neue Arbeitgeber geben. Einige Vereine sind im schlimmsten Fall in ihrer Existenz bedroht.

 

Bei all den Dämpfern: Würden Sie abschließend sagen, die aktuelle Situation tut dem Fußball auch ein bisschen gut?

MK: Nun, kein Verein kann allein überleben. Und die Freude am Spiel gibt es, weil es eben Gegner gibt. Spiele können nur stattfinden, wenn auch andere Clubs existieren. Und wenn es ihnen gut geht. Die deutschen Verbände sind da gut strukturiert. Der Fußball wird und muss überleben. Es kommen aber neue Themen auf den Plan. Die Gehälter von Spielern und auch von Spielerberatern werden stärker hinterfragt. Die Situation tut also insofern dem Fußball gut, weil er bodenständiger wird. Er wird auch näher an den Fans gestaltet. Und das ist definitiv eine Chance.

 

Vielen Dank für das Interview.

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