Ohne Guss kein Fluss: Kein Auto würde sich bewegen, kein Windrad, kein Flieger. Keine Heizung würde funktionieren, kein Wasser fließen oder Bier gezapft, keine Fenster oder Türen ohne Griffe geöffnet werden können. Recycling und Upcycling – auch sie: undenkbar ohne Gießanlagen.

Aber auch die Gießerei-Branche erleidet durch die Pandemie einen deutlichen Schaden. Was sind die Top-Hürden zurzeit und wie können Unternehmen sie überwinden? Reiner Winkelbauer und Wolfram W. Hackbarth, Finanz- und Produktionsexperten bei enomyc, liefern wichtige Insights aus ihrer Berufspraxis und einen wegweisenden Fragenkatalog für Geschäftsleitung, Gesellschafter:innen und Investor:innen.

 

Die Bedeutung der Gießerei-Industrie für Deutschland

Im Mai 2019 zählte die Gießerei-Branche in Deutschland fast 600 Unternehmen. 95 Prozent davon sind mittelständisch und beschäftigten mehr als 75.800 Menschen. 5,4 Millionen Tonnen Guss produzierte die Branche und setzte, laut Angaben des Statistischen Bundesamtes, rund 14,1 Milliarden Euro ab. 

In Europa führend und weltweit anerkannt, gilt die deutsche Gießerei-Industrie als unverzichtbarer Partner, als das verbindende Element zwischen der Zulieferindustrie und ihren Abnehmern. Es gäbe kaum eine Branche innerhalb des Investitionsgüter-produzierenden Gewerbes, so der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie, die nicht gegossene Komponenten verwende. Genau das hebt ihre wirtschaftliche Bedeutung für Deutschland so hervor. Nun hat die Pandemie aber auch vor ihr nicht halt gemacht.

 

Der Kriseneffekt

Viele Unternehmen in der Gießerei-Industrie sehen sich vor eine ernsthaft existenzielle Krise gestellt. In manchen Branchen – dazu gehören aktuell u. a. die Automobilindustrie, deren Zuliefer- und Wertschöpfungsketten sowie verlängerte Werkbänke – werden Kundenabrufe beinahe im Stundenrhythmus reduziert oder gänzlich storniert. Hinzu kommen die zeitweise bestehenden und auch leider immer wiederkehrenden Störungen in den Lieferketten.

Besonders in der traditionsreichen deutschen Gießerei-Industrie droht dadurch ein Totalverlust von Arbeitsplätzen, von Know-How und einem starken etablierten Netzwerk, was in den vielen zurückliegenden Jahrzehnten eine systemrelevante und tragende Säule für die internationale und insbesondere deutsche Automobilindustrie war. Diese Branche steht aktuell besonders im wirtschaftlichen Feuer und kämpft ums Überleben. 

Mit mehr als 60 Insolvenzen in den letzten drei Jahren ist diese Branche besonders gefährdet. Von Stadtallendorf bis Bad Windsheim geht die Angst um. Die 30 größten deutschen Gießereien beschäftigen mehr als 25.000 Mitarbeiter und generieren Umsätze, die 6.5 Milliarden Euro überschreiten.

 

Die Problematik im betrieblichen Alltag der Gießereien

Die Rahmenbedingungen und Planzahlen in der Produktion ändern sich massiv von Woche zu Woche. Um eine wirtschaftliche Fertigung und Produktion noch aufrecht zu erhalten, müssen Personal- und Kapazitätseinsatzplanungen, Programm- und Feinsteuerungen schnellstmöglich angepasst und aktualisiert werden. Wir beobachten, dass die möglichen Strukturbrüche in den Prozessen und in den internen Wertschöpfungsstufen die gesamte organisatorische und technische Agilität – insbesondere der Führungsteams auf dem Shopfloor – vor riesige Herausforderung stellen. Was tun?

 

Die Stellhebel 

In dieser aktuell schwierigen Situation ist es immens wichtig, dass sich Unternehmen intensiv mit dem Thema Liquidität beschäftigen. Hierbei gilt – trotz Entscheidungs- und Handlungsdruck – die Transparenz und Korrektheit der Information keinesfalls zu vernachlässigen. Die Auskunftsfähigkeit über den aktuellen Stand der Liquidität als auch über die planerische zukünftige Entwicklung der Liquiditätssituation müssen jederzeit gewährleistet sein. Umso wichtiger ist es demnach, eine kontinuierliche Liquiditätsplanung im Unternehmen zu etablieren – bestenfalls unterstützt durch eine integrierte Finanzplanung.  

Ein Fragenkatalog für Geschäftsleitung, Gesellschafter:innen und Investor:innen 

In dieser entscheidenden Phase ist es wichtiger denn je, sich mit den unterschiedlichen individuellen Rahmenbedingungen und Risiken auseinanderzusetzen. Wie können sich Unternehmen operativ und strategisch neu positionieren? Ein Blick auf Zwänge, die für eine Restrukturierung sprechen, lohnt sich. Dazu gehören unter anderem folgende Fragestellungen: 

  • Wie stark eingeschränkt ist das Produktportfolio aktuell?
  • Stichwort Elektromobilität: Sind zukünftig marktfähige Produkte vorhanden? 
  • Wie energieschonend und effizient gestalten sich die Fertigungs- und Produktionsprozesse wirklich?
  • Sind veraltete Maschinen und Anlagentechnologie im Einsatz?
  • Werden kleine Losgrößen für Kunden angeboten, die eine Automation wirtschaftlich nicht rechtfertigen?
  • Wie flexibel ist das Unternehmen in Bezug auf Personal- und Produktionsprozesse?
  • Wie angespannt ist die Liquiditätssituation? Wie hoch der Investitionsdruck?
  • Müssen zwingend notwendige Neuinvestitionen in Maschinen, Anlagen und Einrichtungen getätigt werden? 
  • Wie steht es um die ständig wachsenden Umwelt- und Behördenauflagen, die hohe Finanzmittel erfordern?
  • Gibt es eine monopolistische Produktstellung am Markt?
  • Besteht – bspw. aufgrund der Double Sourcing-Strategie der Kunden – die akute Gefahr, Marktanteile an Wettbewerber zu verlieren?

Welche Fragen beschäftigen Sie rund um das Thema Gießereien? Sprechen Sie uns an. Wir unterstützen Unternehmen von der Strategie über die Finanzierung bis hin zur Umsetzung. Ob harte Sanierung oder fachliche Restrukturierung entlang Ihrer Wertschöpfungsketten: Als unabhängige Berater erstellen wir exakte Liquiditätspläne, prüfen die Auswirkungen von Investitionen auf die Liquidität des Unternehmens und bringen Unternehmen, Anbieter und Finanzierer zusammen. 

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