Was treibt Unternehmen in die Krise und was braucht es, um sie zu überwinden? Dazu hat enomyc im vergangenen Jahr rund 200 Finanzierungsexpertinnen und -experten aus Deutschland befragt. Eines der wichtigsten Ergebnisse: Viele mittelständische Unternehmen scheuen den schonungslosen Blick auf ihre aktuelle Lage. Dadurch übersehen sie Warnsignale und Hinweise, die hellhörig machen sollten. Welche das sein können und wie sich Unternehmen jetzt am besten aufstellen, darüber haben wir mit dem enomyc-Strategen und -Berater Dr. Stefan Frings gesprochen.
Herr Dr. Frings, für Ihre Studie haben Sie im vergangenen Sommer mit Finanzierern aus den Bereichen Sanierung, Intensivbetreuung und Firmenbetreuung gesprochen. Denken Sie, die Ergebnisse würden heute sehr anders ausfallen?
Dr. Stefan Frings: Nein. Die substanzielle Krise, in der viele Befragten die deutsche Wirtschaft im letzten Jahr gesehen haben, hat sich eher noch verstärkt. Wir beobachten beispielsweise, dass sich die Nachfrage in vielen Branchen so gut wie gar nicht mehr erholt. Selbst konservativste Umsatzpläne lassen sich kaum noch realisieren. Das hat konjunkturelle Gründe, hat aber auch viel mit dem massivem Wettbewerb aus Asien zu tun. Dazu kommt, dass ganze Branchen als Abnehmer ausfallen, etwa die Automobilindustrie. Auch die geopolitische Unsicherheit, die die Befragten in der Studie als zentrales Wachstumshemmnis genannt haben, hat eher weiter zu- als abgenommen.
Was sich gegenüber dem Zeitpunkt unserer Befragung im vergangenen Jahr verändert hat, ist, dass das Zeitfenster für Restrukturierungen wesentlich kürzer geworden ist. Ein beträchtlicher Teil der Unternehmen, mit denen wir es heute zu tun bekommen, lässt sich gar nicht mehr restrukturieren. Da bleibt nur noch die Abwicklung – oft, weil zu lange gewartet und nicht umfassend genug gegengesteuert wurde.
Wie lässt sich in einer solchen Lage gegensteuern? Kann man gegen die Krise ansparen?
Dr. Stefan Frings: Nein, Sparen allein reicht nicht. Die Unternehmen brauchen auch Wachstum. Das ist allerdings schwierig geworden, denn im Heimatmarkt lässt sich fast kein Wachstum mehr generieren. Und Mittelständler, die im Ausland neue Absatzmärkte erschließen wollen, stehen oft vor dem Problem, dass sie niemanden finden, der den Mut hat, diese Investitionen zu finanzieren.
Dann müssen sie nach alternativen Geldquellen suchen…
Dr. Stefan Frings: Genau. Die Aufgaben besteht darin, frühzeitig zusätzliche Investoren und Eigenkapitalgeber zu finden. Deswegen binden wir unsere Debt Advisory-Experten beispielsweise schon in der Gutachtenerstellung ein, um zu prüfen, wo und wie sich gegebenenfalls zusätzliche Mittel aktivieren lassen.
Trotzdem führt am Ende an einem Verkauf oft kein Weg vorbei…
Dr. Stefan Frings: Das ist so. Aber auch ein M&A-Prozess sollte so früh wie möglich ausgelöst werden, wenn der Geschäftsbetrieb noch im Gange ist und die Kundenbeziehungen intakt sind. Ein Verkauf sollte, wenn irgend möglich, außerhalb der Insolvenz stattfinden. Auch das spricht für ein frühzeitiges Agieren.
Viele Finanzierer hatten in der Studie die unzureichende kaufmännische Leitung in vielen mittelständischen Unternehmen moniert…
Dr. Stefan Frings: Das ist ein überragend wichtiges Thema – und nach wie vor ein massives Problem. Selbst viele größere Unternehmen werden kaufmännisch desolat geführt. Das Thema hat nach wie vor nicht die Bedeutung, die es heute haben müsste. Wir stellen immer wieder fest, dass es gerade im Mittelstand an starken CFOs fehlt, die klar nach vorne denken, die entsprechende Planungsinstrumentarien kennen, eine solide Liquiditätsplanung machen und diese unterjährig anpassen können. Das hat in Krisensituationen fatale Folgen. Es führt nämlich unter anderem dazu, dass die Finanzierer nicht die Zahlen bekommen, die sie brauchen. Oder sie bekommen sie verspätet, unvollständig oder falsch.
Kann man so weit gehen, von einem Comeback des CFO zu sprechen?
Dr. Stefan Frings: Auf jeden Fall.
Einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Restrukturierung ist nach Ansicht der Finanzierer die Bereitschaft, schmerzhafte Maßnahmen schnell und konsequent umzusetzen. Damit scheinen sich viele immer noch schwerzutun.
Dr. Stefan Frings: Die meisten naheliegenden Maßnahmen zur Kostenreduktion sind in den Unternehmen ja längst umgesetzt. Jetzt geht es darum, größere strukturelle Maßnahmen zu ergreifen, sich also beispielsweise von unprofitablen Geschäftsbereichen zu trennen. Das sind komplexe Entscheidungen, die entsprechende Vorarbeit erfordern, Abstimmungen mit jedem einzelnen Kunden – und natürlich mit den Finanzierern. Die Trennung von unprofitablen Bereichen ist eine Entscheidung von großer Tragweite, in einer Krise aber leider unausweichlich.
Welche Vorschläge für strukturelle Maßnahmen und tiefe Einschnitte stehen denn noch auf Ihrer Liste?
Dr. Stefan Frings: Da gibt es einige. Unternehmen müssen dringend damit anfangen, ihre Prozesse konsequent zu digitalisieren, auf Künstliche Intelligenz zu setzen, Werke zusammenzulegen oder Einschnitte beim Personal vorzunehmen – übrigens auch beim Management. Das Thema Overhead erlebt derzeit nicht umsonst eine Renaissance. Auch sogenannte Shared Service Center liegen derzeit sehr im Trend, weil die Unternehmen gemerkt haben, dass sie viel Geld sparen können, wenn sie nicht nur ihre Produktion, sondern auch indirekte Funktionen ins Ausland verlagern. Das bietet sich insbesondere bei stark repetitive Aufgaben wie in der Personalabrechnung oder bei Buchhaltungsfunktionen an. Serbien ist derzeit ein sehr gefragter Standort.
Die vollständigen Ergebnisse der enomyc-Finanzierer-Studie mit rund 200 Expertinnen und Experten finden Sie hier:
Woran merken Unternehmer, dass sie handeln müssen, also die unbequemen Maßnahmen jetzt wirklich angehen müssen?
Dr. Stefan Frings: Ein typisches Frühwarnsignal ist der schleichende Verlust von Marktanteilen und Umsätzen. Wir hatten beispielsweise einen Kunden mit einem guten Produkt. Der war lange gut aufgestellt, aber dann ging ganz langsam erst hier ein Kunde verloren und dann dort. Irgendwann war der Verlust so hoch, dass das Unternehmen nicht mehr zu retten war. Hätten die Verantwortlichen früher reagiert, wäre sicher noch etwas zu machen gewesen.
Gibt es unter diesen schwierigen Voraussetzungen denn überhaupt noch eine Chance auf neues Wachstum für die Unternehmen?
Dr. Stefan Frings: Im Heimatmarkt sind die Wachstumsaussichten sicher sehr begrenzt. Deswegen braucht der Mittelstand eine intelligente Internationalisierungsstrategie. Das Mercosur-Abkommen ist hier ein Lichtblick. Grundsätzlich müssen sich Unternehmen aber nach meiner Einschätzung für die Zukunft auf geringe Umsatzniveaus einstellen. Wachstum gibt es praktisch nur noch durch Verdrängung. Umso wichtiger ist es, jetzt den Break-even-Punkt abzusenken – unter anderem durch geringere Fixkosten.
Herr Dr. Frings, herzlichen Dank für das Gespräch.