Billiges Gas, billiges Leben, billiges Geld: Ein Großteil der Deutschen ist nichts anderes gewohnt als viel für wenig, Wachstum und Wohlstand. Gerade die Generation der Boomer wurde quasi auf beruflichen Erfolg und großes wirtschaftliches Wachstum getrimmt. Und die Generation der Millennials? Wurde mitten in diesen blühenden Zustand hineingeboren. Nun aber sehen sich alle mit neuen Parametern für Wohlstand und Wachstum konfrontiert. Millennials und Gen Z stehen vor “ihrer” ersten Wirtschaftskrise. Und Unternehmen erleben, wie die gewohnte Formel – "höher, schneller, weiter" und "irgendwie kriegt man das schon finanziert" – nicht länger aufgeht.

Sind die fetten Jahre nun vorbei?

Ein Gespräch über Wachstum und Wohlstand mit unserem Gründungspartner Martin Hammer.

In seiner Antrittsrede am 20. Januar 2009 sagte der ehemalige US-Präsident Barack Obama: „Unsere Wirtschaft ist schwer geschwächt – als Folge von Habgier [...], aber auch wegen unseres kollektiven Versagens, schwere Entscheidungen zu treffen und die Nation auf eine neue Ära vorzubereiten.“ Herr Hammer, inwiefern finden Sie, trifft diese Aussage – oder Einzelheiten daraus – Deutschlands aktuelle Situation?

Aus meiner Sicht trifft sie exakt das Problem, was wir aktuell in Deutschland haben. Nun muss man dazu sagen: 2009 war, ausgelöst durch den Zusammenbruch der Finanzwelt, ein sehr besonderes Jahr. Und das Wort "Habgier", was Obama benutzte, bezog sich wohl auch auf die exorbitanten Gewinne der Finanzinstitute – vor der Insolvenz der Lehmann Brothers. Aber die Grundaussage stimmt: Kein:e Unternehmer:in kann sich lange und erfolgreich im Amt halten, wenn keine schwierigen Entscheidungen getroffen werden. Das Schönreden von akuten Problemen, mit denen wir umgehen müssen, nützt uns überhaupt nichts. Das gilt auch für die Politik: Es fehlt an Konsequenz. Und Politiker:innen scheuen sich oft, die Wahrheit auszusprechen. Die Wahrheit ist: Nach neun Jahren Party, in denen in Deutschland ein unglaublicher Überfluss herrschte – und nach zwei Folgejahren Pandemie, in denen es staatliches Eingreifen in die Wirtschaft gab und Marktgesetze ausgehebelt wurden: Ja, da ist die Party vorbei. Wir müssen uns auf eine neue Ära vorbereiten.


Bevor wir über die neue Ära sprechen – ein kurzer Rückblick: Sie sagten in unserem Interview im Juli 2019, viele Unternehmen lebten deutlich über ihre Verhältnisse. Warum war die “Party” überhaupt möglich?

Während der "fetten" Jahre wurde in vielen Unternehmen eine sehr aggressive Wachstumsstrategie gefahren. Oft durch Zukäufe. Auch durch Diversifikation in eigentlich völlig fachfremden Geschäftsbereichen, die nicht zum klassischen Geschäftskern gehörten. Unternehmen hatten einfach den Maßstab verloren. Jahrelanges Wachstum und – man muss dazu sagen: vom Staat gewolltes – künstliches, billiges Geld führte erst zu den genannten Ausuferungen. Es gab ja kein Regulativ. Weil sich alles Jahr für Jahr noch höher, noch schneller, noch weiter entwickelte, führte es letztendlich zu einer grundsätzlichen Einstellung: dass man es ja irgendwie finanziert kriegen würde. 

Haben Sie – gerade in Anbetracht der post-/pandemischen Lage – hier eine Veränderung festgestellt?

In der pandemischen Situation wurden aus meiner Sicht kaum Entscheidungen gefällt. Die deutsche Wirtschaft schien wie in eine Körperstarre verfallen. Der wirtschaftliche Kompass fehlte, Unternehmen wurden auf Sicht geführt. Aber eine Sache veränderte sich – inzwischen ist sie Priorität: die zwingend notwendige Transformation zur Digitalisierung. Sie wurde durchaus auch vor der Pandemie betrieben, aber dann doch eher halbherzig. Viele Unternehmen wiegten sich damals durch gute Erträge, Umsätze und das große Wachstum in Sicherheit. Und leider auch in der falschen Annahme, sich nicht digitalisieren zu müssen. Diese Einstellung hat sich definitiv verändert. Will man am Markt bestehen, kann es nicht weitergehen wie gehabt. Heute ist die strategische Ausrichtung eine andere: Immer mehr Unternehmen digitalisieren kleinere und größere Geschäftsprozesse.


Zurück zum Stichwort "Gier": Margrethe Vestager, Vizepräsidentin der EU-Kommission, sagte kürzlich im Interview mit Handelsblatt, ein großer Teil der europäischen Industrie basiere auf billiger Energie aus Russland, sehr billigen Arbeitskräften aus China und hochsubventionierten Halbleitern aus Taiwan. “Wir waren nicht naiv, wir waren gierig", lautet ihr Urteil über Europa. Geben Sie ihr – auch mit Blick auf Deutschland – Recht?

Ja. Leider. Das ist ein Punkt, der mir seit mehreren Jahren zunehmend Sorge bereitet. Man hat – gerade in den langen Jahren der Sonderkonjunktur von 2010 bis 2019 – klar versäumt, in Europa zu investieren. Für mich war das nie verständlich. Denn wenn wir doch als Europa zusammenwachsen wollen: Warum werden dann Milliardeninvestitionen überall in der Welt getätigt und nicht innerhalb der EU? Warum werden nicht die EU-Fördertöpfe genutzt, um Werkstrukturen in industriearmen Ländern zu schaffen – beispielsweise in Süd- und Osteuropa? Konzerne und Firmen hätten ihre Standorte dort aufbauen können. Damit wäre Europa aus heutiger Sicht stärker und unabhängiger. Ich möchte nicht wie Trump sagen: "Germany first", aber es muss ein Umdenken in der Wirtschaft stattfinden: Wir müssen uns davon lösen, über Europa – und übrigens auch übers Klima – hinwegzusehen. Das ändert sich jetzt.

Wie genau? Welche Tendenzen und Trends zeichnen sich in der europäischen Wirtschaft ab?

Nun, ob wir wollen oder nicht: Der Wandel passiert bereits. Alles wird teurer. In mancherlei Hinsicht ist das nicht schlecht. Beispiel billige Lieferketten: Vor der Pandemie hat das Verschiffen eines Containers von China nach Europa bei 1.200 € gelegen. Billiger geht's kaum. Heute kostet ein Container zwischen 12.000 und 18.000 €. Die Reeder verdienen aktuell Milliarden. Parallel aber – klar wegen der hohen Preise, aber nicht zuletzt auch wegen der ESG-Ziele und Maßnahmenpakete der EU-Kommission – wird sich unternehmerisches Handeln stark verändern. So stehen die Zeichen klar auf kürzeren, innereuropäischen Transportwegen und auf mehr nachhaltiger Produktion in Europa. Und ja, das macht es insgesamt teurer. Denn auch das europäische Lohnniveau ist höher als in China. Aber faire Löhne und gute Produkte kosten eben mehr Geld. Das ist etwas, woran wir uns in Deutschland noch gewöhnen müssen.
 

Sie sagen es: Ein Großteil der Deutschen ist nichts anderes als Wohlstand und Wachstum gewohnt. Ihre Generation, die Boomer, wurden auf beruflichen Erfolg und wirtschaftliches Wachstum getrimmt. Die Generation der Millennials wurde dann in diesen blühenden Zustand hineingeboren. Ganz ehrlich: Sind die fetten Jahre jetzt vorbei?

Nun, grundsätzlich hat Deutschland ja eine enorme Substanz, aus der sich schon mal sehr viel speisen lässt. Aber, für eine gewisse Zeit, glaube ich, sind die fetten Jahre vorbei. Und das hat auch nicht nur Nachteile. Alle Übertreibung über lange Jahre nivelliert sich irgendwann. Und das ist auch gut so. Überangebot, Wachstum, Wohlstand, das Höher, Schneller und Weiter waren viele Jahre selbstverständlich. Nun haben wir eine veränderte Situation, die sich sehr schnell seitwärts, aber eben auch rückwärts bewegt. Aus dieser Situation müssen wir neue Strategien entwickeln. Die Boomer haben schon einige Krisen erlebt. Die Millennials erleben ihre erste potenzielle Krisensituation. Aber Deutschland steht für Leistungsbereitschaft, für Innovation, für hohe fachliche Kompetenz und auch für eine sozial eingestellte Gesellschaft. Ich hoffe, dass sich dieser Charakter weiter ausprägen wird.

Das werden wir brauchen. Die Wirtschaftsweisen senken die Wachstumsprognosen seit März. Wirtschaftsforscher:innen rechnen mit schrumpfendem Wohlstand. In welcher Branche arbeitet eigentlich jemand, der jetzt noch von Wirtschaftswachstum spricht?

Jede Krise hat ja Gewinner und Verlierer. Im positiven Sinne sorgen Krisen für eine Bereinigung des Marktgeschehens. Und das ist auch notwendig. Ich denke, von Wirtschaftswachstum sprechen definitiv Unternehmen in der IT- und damit auch automatisch die Cyber Security-Industrie. Die digitale Transformation ist ja ein Marktsegment für sich. Und eben das wird enorm weiter wachsen. Dann werden Elektromobilität, Renewables – generell: Technologien, die fossile Brennstoffe als Energieträger ablösen – einen Boom erleben. Auch kommen verstärkt neue Geschäftsmodelle wie Pay-per-use auf die Märkte. Übrigens stark getrieben von der Denkweise vieler Millennials und Zoomers: lieber mieten statt besitzen. In diesem Zusammenhang wird auch der rechtliche Beratungsbedarf in Unternehmen steigen und damit Legal Management Consulting.


Glauben Sie, dass Wachstum und Wohlstand in den gewohnten Parametern überhaupt noch möglich sind? Oder brauchen wir jetzt eine neue Definition von beiden?

Ich denke, das Wachstumsverständnis aus der Vergangenheit – mehr für billiger – hat sich jetzt selbst überholt. Wachstum wird nicht mehr in diesem Maße und zu Lasten des Klimas und der Menschen gehen. Für Konsument:innen der Gegenwart und Zukunft ist Nachhaltigkeit das zentrale Thema. Bisherige Geschäftsmodelle und Produkte werden durch nachhaltige ersetzt werden. Und die werden höherpreisig sein – keine Frage. Dafür aber werden sie den neuen Anforderungen und Parametern gerecht werden. Ich finde, diese Entwicklung birgt ein riesiges Potenzial für Unternehmen.

Aller Anfang ist sicher schwer. Welches Mindset ist dafür aus Ihrer Sicht unumgänglich – für Wirtschaft und Gesellschaft?

Ich habe aus einem Gespräch mit einem Kunden ein schönes Beispiel mitgenommen, das die Situation vielleicht ganz gut beschreibt: Der Staat hatte die Schleusentore geöffnet, hieß es, und es kam eine Welle an billigem Geld. In der Kausalität war Wachstum und Wohlstand für alle drin. Das Geld wurde im Prinzip sozialisiert: Die europäische Gemeinschaft machte Geschenke. Und jetzt? Als Momentum gesehen, ist das vorbei. Die Schleusentore sind zu; da fließt so schnell nichts mehr. Und es wird klar: Der Zustand des Überflusses, den wir kannten und den wir gewohnt waren, war künstlich getrieben. Das zu begreifen und darin eine Chance für die Zukunft zu erkennen, ist aus meiner Sicht unumgänglich. Es ist das richtige Mindset und gleichzeitig unsere Aufgabe: bewusst mit der Situation umzugehen, Tradiertes loszulassen und dem Wandel offen zu begegnen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hammer.

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